Montag, März 16, 2009

porco dio

Die Welt ist groesser als meine Denkfaehigkeit - und die Reduzierung der Gedanken auf Vergangenheit und bevorstehende Zukunft ist nicht das ganze Leben.

"Und.. wie war Australien?" - ich werde die Frage nicht beantworten, wenn ich nach Hause komme. Wie soll ich in wenigen Saetzen erklaeren, was ich in 7 Monaten mitgenommen habe? Was mich bewegt hat, wer ueber meinen Weg stolziert oder gar gekrochen ist, weshalb ich mich entschlossen habe Situationen auf bestimmte Arten zu loesen oder zu umgehen? Wie kann ich jemals in Worte kleiden, was ich erlebt habe - wo doch im Grunde nur jene verstehen, die mit mir hier waren - ich kann nicht teilen, was ein Backpackerleben bereithaelt. Hm. Ich habe nicht mehr lange in dieser Welt - und ich sage bewusst Welt, weil es ein vollkommen anderes Leben ist, das ich hier fuehre. Es erscheint mir wie ein Traum, dass ich einst in Deutschland gewohnt habe und zur Schule gegangen bin, wie sich das gehoert - dass ich an den Wochenenden hin und wieder mein Nest verlassen habe, um die Abende mit Freunden zu verbringen. Vielleicht mag es ungerecht klingen, wenn ich sage, ich hatte die bisher beste Zeit meines jungen Lebens hier - und ich bin mir sicher ich werde eines Tages dasselbe von einem anderen Abschnitt behaupten, aber bisher hat mich dieser Schritt weitergebracht, als es die letzten Jahre getan haben. Ich durfte so viele Menschen kennenlernen, durfte Eindruecke und Emotionen sammeln, konnte vogelfrei wie ein Kind auf der Lebenswiese tollen und tiefe Gespraeche mitten in der Nacht fuehren.
Ich weiss, dass mich so vieles veraendert hat und ich nicht mehr das gleiche Wesen bin, das vor so vielen Monaten losgezogen ist, um mit eingeschraenkter Sicht die Welt zu entdecken - und nun kommt es mir so vor, als waere mein altes Leben ein Paar ausgelatschter Schuhe, in die ich nicht mehr recht passen kann. Und in die ich vielleicht auch nicht mehr ganz passen will.
Noch bin ich mir nicht sicher, wie ich mich in den Kreis einfuegen soll, der dort auf mich wartet - die Erwartungen und Hoffnungen, die Freude die mir entgegenkommt und die ich nur partiell teilen kann. Versteht man, dass ich meine neue Welt zuruecklassen muss und es mir nicht so einfach faellt, wie ich es niederschreiben koennte?
Selbstverstaendlich ist es schoen nach einer langen Reise wieder Zuhause zu sein und anzukommen, sich auf das eigene Bett zu legen und die Wand anzustarren, wie man es immer getan hat, bevor man eingeschlafen ist. Sich wieder in die Kuechenecke zu druecken und auf seinem Stuhl zu wackeln, waehrend Schmuh am Radio fingert und mit einem Blick aussagt, dass ihr sehr wohl bewusst ist, dass die Tochter schon wieder die Flossen daran hatte und den heiligen Radiosender verstellt hat. Und das Examinieren des Kuehlschranks, der leer sein wird, weil ich mich weigere eine Bestellung aufzugeben - ich wuerde gerne selbst einkaufen gehen und alles in den Wagen werfen, das ich so lange vermisst habe. Ich freue mich sogar meine Vermieterin wiederzusehen und ihr mit einem Strahlen ins Gesicht zu sagen, dass ich doch in Australien war und nicht auf ihren Rat gehoert habe - weil Australien ja das Teufelsland ist. Ich sehne mich nach dem verdammten Rollladen, den Urmel kaputt gemacht hat und den ich mit zwei Waescheklammern provisorisch reparieren konnte..



Ich liebe den Gedanken einfach aufzutauchen und da zu sein, ohne dass jemand wirklich weiss wann es ist und wie ich mir den Weg nach Hause gebahnt habe - doch.. ich denke ich freue mich wirklich auf meinen Ort, auf die Menschen und den Geruch nach frischen Brezeln im huebschen Schwabenland. Aber es ist so vieles, das ich hier zuruecklassen muss und das mir so lange Zeit ein Ersatz fuer all das geworden ist, bis es schon kein Ersatz, sondern Bestandteil war. "Was hast du gelernt? Was nimmst du an Erfahrung mit?" So viel.. so wenig..

  • Bananenbrot ist die begehrenswerteste Nahrung, die ich in den 7 Monaten gefunden habe. Zaehlt das als Erfahrung?
  • Ich kann die Wahrheit des Spruches, man merke erst was man Zuhause hat, wenn man lange genug weg waere vollkommen bestaetigen. Wie wundervoll der Gedanke ist meine Tasche einfach auf den Boden zu stellen, meine Schuhe unter den Tisch zu treten (und Schmuh dabei unschuldig anzustrahlen), deutsches Bier auf der Zunge zu schmecken, .. Manchmal braucht es eine neue Welt um zu erkennen, was man in der alten zuruecklies.
  • Zaerra (Sarah) drueckt in ihren eigenen Worten aus, dass wenn man jetzt schon so viele interessanten und faszinierenden Menschen trifft - was die Welt dann alles noch fuer unsere jungen, jungen Leben an unterschiedlichen Gestalten zu bieten hat..
  • 5 Jugs sind jeeede Menge Bier (thanks heaps, Phil).
  • Nichts geht ueber deutsches (und im speziellen schwaebisches) Essen *starrt- Maultaschen, Kaeseschbaetzle, Brezeln, Kartoffeln.
  • Urlaub ist nicht immer so einfach, wie man das gerne haette.
  • Kamele sind verflucht grosse Tiere.
  • Ich kann mich stundenlang mit mir selbst und einem Haufen Iced Coffee beschaeftigen - einsam ist man nur, wenn man nicht gut alleine sein kann. (Das wird hier zunehmend eine Sammlung an mehr oder minder weisen Spruechen, eh?)
  • Uebermaessiger Konsum von (il)legalen Genussguetern fuehrt zu Realitaetsverlust und einer unvergesslichen Kamelflamingostramplereit :D
  • Wenn man Litsch, Tonks und Ollie kreuzen wuerde, haette man ernsthafte Atemnot*schmunzel-
  • Nur weil Eingeborene stets barfuss laufen heisst das nicht, dass ich sie herausfordern muss und mir deshalb die kompletten Fusssohlen verbrenne und tagelang ausser Gefecht gesetzt bin.
  • Man kann durchaus 7 Monate ohne Regenjacke, anstaendige Schuhe und Pullover ueberleben - ebenso wie ohne kurze Hose, Bikini und Flipflops.
  • Keine australische Stadt die ich gesehen habe, ist nachts so schoen wie Brisbane :)
  • Toilettenmusik ist eine Marktluecke in Deutschland!
  • Sexual fortitude is the key to wisdom. (Ollie)

..ein zerknittertes Stueck Papier liegt vor mir, das sicherlich noch 23 andere Erfahrungen preisgibt, aber manches muss man auch fuer sich behalten und es verinnerlichen. Oder es ins Abelbuch schreiben *drueckt die Schaufel sachte auf den Bruder-


Vielleicht werde ich mich so schnell daheim einleben, dass alle meine Bedenken sich aufloesen und ich so fest integriert werde, dass es ist, als waere ich niemals gegangen.
Ich bin jetzt schon so eingeplant, dass ich kaum Zeit fuer mich haben werde - was ich momentan noch nicht als Zwang, sondern teilweise auch als sanften Uebergang empfinde. Vielleicht falle ich nicht in das Loch, das ich mir grabe, wenn ich so viel auf Achse bin.


Sehnsucht nach der Fremde darf auch sein, wie man mir vor langer Zeit in der Schule beigebracht hat. Exillyrik wird mich begleiten.. Der Schatten der momentan in meinem Hinterkopf haengt wird sicherlich seine Zeit haben sich entfalten zu koennen, aber bis ich Zuhause bin wird er noch in seiner zugeteilten Ecke wabern, bis ich ihm erlaube mich eine Weile einzuhuellen.

Doch. Es mag hier nicht immer so klingen, aber ich freue mich.

:)


Kommentare:

Schaufelkind hat gesagt…

napoléon kehrt aus dem exil zurück und mochte st. helena - das hat man in den biographien immer vermisst, meiner meinung nach. sehnsucht nach waterloo? *schmunzelt dreist- ..ehm, du weißt dass ich das nett meine.. man liebt doch seine soldaten in uniform

Der verlorene Flamingo hat gesagt…

Hey hey Anülü

Achja..ich hätte es selbst nicht besser ausdrücken können! Wie oft steh ich da, wenn ich die gefürchtete "und wie wars so?" Frage höre, nicke ein bisschen vor mich hin, lächel und drücke ein schwaches "joah...ziemlich cool" raus, weil es von diesem wunderbaren lebensabschnitt einfach keine beschreibung und schon gar keine kurzfassung gibt.
Aber...man lebt sich doch wieder ein. Manchmal erscheint es einem so, als wäre man nie weggewesen im positiven als auch negativen sinne). ;)
Cheers!

Ruhmraff hat gesagt…

Täusche einfach einen totalen Gedächtnis und Realitätsverlust vor, falls du gefragt wirst, wie Australien denn so war.
Bei Menschen, die gewissen Drogen durchaus zugetan sind, kommt das auch absolut glaubhaft rüber.

Wie?
Australien?
Was??

Und du behältst nur was du nicht verrätst. Also rede dir alles schlechte von der Seele ... Verstopfte Flugzeugtoiletten, ein Sonnenbrand nach dem anderen und irgend ne ekelige Geschlechtskrankheit und son Scheiß noch alles ... Denn das ist es, was die meisten wirklich hören wollen.
Und die stillen Momente ... Die behalte für dich. Denn dann werden werden sie für immer deine sein.

Das könnte jetzt aber auch von mir gelogen sein.

Lisa hat gesagt…

"Wenn du ein Buch auf eine Reise mitnimmst, dann geschieht etwas Seltsames: Das Buch wird anfangen, deine Erinnerungen zu sammeln. Du wirst es später nur aufschlagen müssen und schon wirst du wieder dort sein, wo du zuerst darin gelesen hast. Schon mit den ersten Wörtern wird alles zurückkommen: die Bilder, die Gerüche, das Eis, das du beim Lesen gegessen hast ... Glaub' mir, Bücher sind wie Fliegenpapier. An nichts haften Erinnerungen so gut wie an bedruckten Seiten."(c.f.)

Ruhmraff hat gesagt…

Ich bin ja jetzt son typischer Toilettenleser ... Du musst dir das jetz nicht so hochgeistig oder so vorstellen.
So nach einer durchmalochten Woche zum Wochenende sehe ich da in einer Ecke meines Wc's irgenson Schundkack rumliegen.

Geht mir's durch'n Kopp ... Noch genügend Arschpapier (Dreilagig, hochveredelt)da? ...

Neeeeee ...
Dann tuts auch Nietzsche schon mal.
Oder ...
ha!
"Die dunkle Seite des Ruhms"
Ne ... Das war schon toll. Ich weiß jetzt überhaupt nicht mehr, wer das geschrieben hat ...

Is aber auch egal.

Muss ja nich imnmer Nietzsche sein.

Napoléon hat gesagt…

Ist dein Nietzsche denn wenigstens dreilagig, hochveredelt? Man will hier ja kein Schmiergelpapier! Zurueck in den Luxus nach dem versifften Backpackerleben- da braucht man schon mindestens eine in Leder gebundene Ausgabe mit Sammlerwert - so gewisse Dinge im Leben brauchen Stil, um zwecksentfremdet zu werden.

Aepfel zum Beispiel sind als Baelle nur lustig, wenn sie matschig sind und jeder das Geschlabber ins Gesicht bekommt, wenn er getroffen wird. (vergleiche Pflaumen, Maden, Torte)

- Waere ich heute mal lieber im Bett geblieben.